Konsolidierte Sicht auf Beschaffung, Erzeugung und Kundenverträge
Ein typisches Stadtwerk hat gleichzeitig offene Positionen in mehreren Energieträgern: Strom wird auf dem Terminmarkt und Day-Ahead beschafft, Gas wird über langfristige Lieferverträge und Spot-Käufe bezogen, Wärme wird aus KWK-Anlagen und Heizkesseln erzeugt. Dazu kommen eigene Erzeugungsanlagen (PV auf städtischen Dächern, Windanlagen, BHKWs) und die Verpflichtungen aus Endkundenverträgen.
Die operative Herausforderung: Alle diese Positionen müssen in einer konsolidierten Sicht zusammengeführt werden. Wie viel Strom ist für das nächste Quartal beschafft, wie viel wird voraussichtlich benötigt, und wie gross ist die offene Position? Wie verändert sich die Gasposition, wenn die KWK-Anlage mehr läuft als geplant? Und wie wirkt sich ein milder Winter auf die Wärmeabsatz- und Gasbedarfsprognose aus?
Langfristverträge und Restlaufzeiten monitoren
Stadtwerke haben typischerweise mehrere langfristige Beschaffungsverträge mit unterschiedlichen Laufzeiten, Preismechanismen und Mengenflexibilitäten. Einige Verträge haben Take-or-Pay-Klauseln (Mindestabnahme), andere haben jährliche Kündigungsrechte, und wieder andere sind an Indizes gekoppelt. Dazu kommen Netznutzungsverträge, EEG-Vergütungsverträge und möglicherweise langfristige Wärmelieferverträge.
Ein Vertragsmonitoring-System zeigt auf einen Blick: Welche Verträge laufen wann aus? Wo stehen Kündigungsfristen an? Welche Take-or-Pay-Verpflichtungen bestehen, und wie wahrscheinlich ist es, dass die Mindestabnahme erreicht wird? Und welche Verträge sollten frühzeitig neuverhandelt oder ersetzt werden, weil die Konditionen nicht mehr marktgerecht sind?
PPA-Bewertung und Integration erneuerbarer Erzeugung
Immer mehr Stadtwerke schliessen PPAs mit lokalen Erzeugern oder bauen selbst erneuerbare Erzeugungskapazitäten auf. Die Integration dieser Erzeugung in das Gesamtportfolio ist operativ anspruchsvoll: Die Erzeugung aus Wind und Solar ist wetterbedingt volatil und passt selten exakt zum Lastprofil der Kunden. Die Differenz muss am Markt ausgeglichen werden – mal als Zukauf, mal als Verkauf.
Die PPA-Bewertung im Portfolio-Kontext berücksichtigt: den erwarteten Erzeugungsertrag (basierend auf historischen Wetterdaten und Anlagencharakteristik), den erwarteten Capture-Preis (zu welchen Stundenpreisen wird die Erzeugung vermarktet?), die Korrelation mit der Kundenlast (wie gut matcht das Erzeugungsprofil den Verbrauch?) und die Restmengenbeschaffungskosten (Ausgleich von Über- und Unterdeckung).
Abgleich von Prognose und tatsächlichem Absatz
Die Beschaffungsstrategie eines Stadtwerks basiert auf einer Absatzprognose: Wie viel Strom und Gas werden die Kunden im nächsten Jahr voraussichtlich verbrauchen? Jede Abweichung von dieser Prognose hat finanzielle Konsequenzen – bei Mehrverbrauch muss teuer zugekauft werden, bei Minderverbrauch müssen Überschüsse möglicherweise mit Verlust verkauft werden.
Ein regelmässiger Prognose-Ist-Abgleich – idealerweise monatlich – identifiziert frühzeitig Abweichungen und ermöglicht Gegensteuerung: Liegt der Absatz unter der Prognose (z.B. wegen eines milden Winters), kann die offene Beschaffungsposition reduziert werden. Liegt er darüber, kann frühzeitig nachbeschafft werden – zu Preisen, die noch deutlich günstiger sind als Last-Minute-Käufe am Spotmarkt.
Praxistipp: Monatliche Forecast-Updates, die Wetter-Ist-Daten, Kundenwechsel und aktuelle Verbrauchstrends berücksichtigen, verbessern die Prognosegenauigkeit über das Jahr hinweg erheblich. Die Anpassung der Beschaffungsposition an diese Updates reduziert Ausgleichsenergiekosten und Margenschwankungen.
Mark-to-Market für alle offenen Positionen
Die Mark-to-Market-Bewertung zeigt, was das Portfolio 'heute wert ist': Beschaffungsverträge, die unter dem aktuellen Marktpreis abgeschlossen wurden, haben einen positiven Marktwert (unrealisierter Gewinn). Verträge über Marktpreis haben einen negativen Marktwert (unrealisierter Verlust). Die Summe über alle Positionen ergibt den aktuellen Portfolio-Wert.
Für viele Stadtwerke ist die MtM-Bewertung noch ungewohnt – traditionell wurde nur der Einstandspreis betrachtet, nicht der aktuelle Marktwert. Die Energiekrise hat jedoch gezeigt, wie wichtig diese Perspektive ist: Stadtwerke, die Ende 2021 langfristig zu niedrigen Preisen eingekauft hatten, sassen auf enormen unrealisierten Gewinnen – die aber auch wieder schmelzen konnten. Ohne MtM-Transparenz war diese Situation weder steuerbar noch kommunizierbar.
Technologien in diesem Kontext
Fazit: Vom Excel-Portfolio zum integrierten Management-System
Die meisten Stadtwerke haben die Werkzeuge, die sie für ein professionelles Portfolio-Management brauchen, nicht – sie arbeiten mit Excel-Tabellen, die von einer oder zwei Personen gepflegt werden und bei Krankheit oder Urlaub zum Single Point of Failure werden. Der Schritt zu einem integrierten Portfolio-System – das Beschaffung, Erzeugung und Absatz in einer konsolidierten Sicht zusammenführt – ist für die meisten Stadtwerke der grösste Einzelhebel auf Transparenz und Margensicherung.
Dabei muss die Lösung nicht Enterprise-Grösse haben: Ein strukturiertes Portfolio-Dashboard, das Daten aus den bestehenden Systemen (Beschaffungssoftware, EDM, ERP) zusammenführt und in Echtzeit visualisiert, kann in wenigen Wochen implementiert werden und liefert sofort Mehrwert.