Optimale Beschaffungsstrategie: Termin vs. Spot vs. PPA
Die Beschaffungsstrategie bestimmt, zu welchen Preisen ein Stadtwerk seinen Energiebedarf deckt – und damit direkt die Marge. Die zentrale Frage: Wie viel Prozent des Bedarfs sollen langfristig (Termin), wie viel kurzfristig (Spot) und wie viel über eigene Erzeugung oder PPAs gedeckt werden?
Eine hohe Terminabsicherung (80-90 %) bietet Planungssicherheit, aber man verzichtet auf möglicherweise günstigere Spotpreise. Eine niedrige Absicherung (40-50 %) ermöglicht höhere Erträge in fallenden Märkten, birgt aber erhebliche Risiken bei steigenden Preisen. Die optimale Strategie liegt irgendwo dazwischen – und hängt von der Risikobereitschaft, der Markterwartung und der finanziellen Belastbarkeit des Stadtwerks ab.
Analytischer Ansatz: Eine Backtesting-Analyse simuliert, wie verschiedene Beschaffungsstrategien in der Vergangenheit performt hätten. Ergebnis: Die 'optimale' Strategie existiert nicht – aber die Analyse zeigt, welche Strategien die beste Rendite-Risiko-Balance bieten und wie stark die Ergebnisse je nach Marktlage schwanken. Diese Transparenz ermöglicht der Geschäftsführung eine informierte Entscheidung.
Auswirkung neuer Tarife und Kundensegmente auf das Portfolio
Jeder neue Tarif, den ein Stadtwerk einführt, verändert das Portfolio: Ein dynamischer Tarif verschiebt einen Teil des Preisrisikos auf den Kunden, reduziert aber die Planbarkeit auf der Beschaffungsseite. Ein Wärmepumpen-Tarif erhöt den Stromabsatz, aber mit einem spezifischen Lastprofil, das die Beschaffung anpassen muss. Und ein PV-Eigenverbrauchs-Tarif reduziert den Absatz in Sonnenstunden, erhöt aber die Volatilität der Residuallast.
Eine Tarif-Simulation modelliert die Auswirkungen eines neuen Tarifs auf das Gesamtportfolio: Wie ändert sich das Lastprofil? Welche zusätzlichen Beschaffungskosten entstehen? Wie verändert sich das Risikoprofil? Und ab welcher Kundenzahl ist der Tarif profitabel? Diese Analyse sollte vor der Einführung jedes neuen Tarifs durchgeführt werden – nicht erst danach.
Kostenvergleich: Eigenerzeugung vs. Marktbeschaffung
Viele Stadtwerke betreiben eigene Erzeugungsanlagen – BHKWs, PV-Anlagen, kleine Windanlagen. Die Frage, ob sich der Betrieb dieser Anlagen im Vergleich zur Marktbeschaffung lohnt, muss kontinuierlich neu bewertet werden, da sie von veränderlichen Marktpreisen und Betriebskosten abhängt.
- BHKW/KWK: Profitabel, wenn der Clean Spark Spread positiv ist und ausreichend Wärmenachfrage besteht. Saisonale Analyse: Im Winter hohe Auslastung, im Sommer oft unwirtschaftlich.
- PV-Anlagen: Eigenverbrauch ist fast immer günstiger als Netzbezug. Aber: Die Überschusseinspeisung erzielt zunehmend niedrigere Erlöse (Kannibalisierung in Sonnenstunden).
- Batteriespeicher: Wirtschaftlichkeit hängt von der Preisvolatilität ab. Arbitrage-Erlöse plus Regelenergie-Teilnahme plus Spitzenlast-Kappung ergeben das Gesamtbild.
- Wind: Standortabhängig. Lokale Windanlagen können als Grünstrom-Nachweis für das Stadtwerk und seine Kunden dienen.
KWK-Fahrweise unter verschiedenen Preisszenarien
Die Optimierung der KWK-Fahrweise ist eines der lohnendsten Analysethemen für Stadtwerke mit eigenen BHKWs. Der optimale Fahrplan ändert sich stündlich – abhängig von Strompreisen, Gaspreisen, CO2-Kosten, Wärmenachfrage und technischen Restriktionen. Viele Stadtwerke fahren ihre KWK-Anlagen jedoch nach festen Regeln ('ab 5 Grad Aussentemperatur läuft die Anlage') statt nach einer dynamischen Optimierung.
Eine analytische KWK-Optimierung berechnet für jede Stunde: Ist der Betrieb der Anlage profitabler als die Alternative (Wärme aus Kessel + Strom vom Markt)? Wie verändert sich die Antwort bei verschiedenen Preisszenarien? Und was ist der optimale Betriebspunkt (Volllast vs. Teillast)? Erfahrungswerte zeigen: Eine dynamische KWK-Optimierung kann die jährlichen Erlöse um 5-15 % gegenüber einer statischen Fahrweise verbessern.
Bewertung von Speicher-Investitionen
Batteriespeicher werden für Stadtwerke zunehmend interessant – für Arbitrage (günstig laden, teuer entladen), für Regelenergie-Teilnahme, für die Kappung von Leistungsspitzen im Netz und für die Optimierung der KWK-Fahrweise. Die Wirtschaftlichkeitsbewertung ist jedoch komplex, da sie von mehreren, teilweise unsicheren Erlösquellen abhängt.
Eine fundierte Speicher-Bewertung simuliert die erwarteten Erlöse aus allen Anwendungsfällen unter verschiedenen Marktszenarien und berücksichtigt Degradation (Kapazitätsverlust über die Lebensdauer), Betriebskosten, Fördermöglichkeiten und die Integration in das bestehende Portfolio. Die zentrale Frage: Ab welcher Speichergrösse und bei welchem Investitionspreis ist das Projekt wirtschaftlich – und wie sensitiv ist die Wirtschaftlichkeit gegenüber Marktpreisänderungen?
Technologien und Methoden
Fazit: Analytik als Entscheidungsgrundlage für Stadtwerk-Strategien
Die strategischen Fragen, vor denen Stadtwerke stehen – Beschaffungsstrategie, Investitionsentscheidungen, Tarifgestaltung – sind zu komplex für Bauchgefühl-Entscheidungen. Analytische Werkzeuge liefern die quantitative Grundlage: Sie zeigen die Auswirkungen verschiedener Optionen, quantifizieren Risiken und machen Trade-offs transparent.
Der Einstieg muss nicht teuer oder komplex sein: Ein einfaches Beschaffungsstrategie-Backtesting, eine KWK-Optimierung auf Basis aktueller Marktdaten und eine Tarif-Simulation für den nächsten geplanten Tarif – damit sind die wichtigsten analytischen Grundlagen gelegt. Die Erfahrung zeigt: Wer einmal mit datengetriebenen Portfolio-Entscheidungen angefangen hat, will nie wieder zurück.