Aufbau einer Flexibilitäts-Koordinationsstelle
Flexibilitätsmanagement ist eine neue Aufgabe für DSOs – und sie passt in keine bestehende Abteilung: Die Netzführung steuert das Netz in Echtzeit, aber hat bisher keine Erfahrung mit der Koordination dezentraler Flexibilität. Die Netzplanung denkt in Jahren, nicht in Stunden. Und die Marktkommunikation kennt EDIFACT, aber keine Steuerungsbefehle an Wallboxen.
Viele DSOs bauen daher eine dedizierte Flexibilitäts-Koordinationsstelle auf, die als Schnittstelle zwischen Netzführung, Netzplanung und den neuen Flexibilitätsressourcen fungiert. Diese Stelle ist verantwortlich für: die Identifikation und Qualifikation von Flexibilitätsressourcen, die Entwicklung von Aktivierungsstrategien, die operative Koordination im Engpassfall und die Abrechnung und Dokumentation gegenüber Flexibilitätsanbietern und Regulierungsbehörden.
DSO-TSO-Kooperation bei Redispatch-Massnahmen
Redispatch 2.0 hat eine neue Schnittstelle zwischen Verteilnetzbetreibern und Übertragungsnetzbetreibern geschaffen: Der DSO meldet steuerbare Ressourcen an den TSO, der TSO kann diese Ressourcen im Rahmen von Redispatch-Massnahmen abrufen, und der DSO setzt die Massnahme in seinem Netz um. Diese Kooperation erfordert standardisierte Datenaustausch-Formate, abgestimmte Prozesse und klare Verantwortlichkeiten.
- Datenaustausch: Stammdaten steuerbarer Ressourcen, Planungsdaten (geplante Einspeisung/Verbrauch), Abrufe (Redispatch-Anweisung) und Rückmeldungen (Umsetzungsbestätigung).
- Prozessabstimmung: Wer entscheidet in welcher Reihenfolge? Lokale Massnahmen des DSO vor überregionalem Redispatch des TSO.
- Entschädigung: Berechnung und Abrechnung der Entschädigungsansprüche für betroffene Anlagenbetreiber.
- Eskalation: Was passiert, wenn die lokalen Massnahmen nicht ausreichen? Wie schnell kann der TSO übernehmen?
Governance-Herausforderung: Die DSO-TSO-Kooperation erfordert Vertrauen in die Datenqualität des jeweils anderen: Der TSO muss darauf vertrauen, dass die vom DSO gemeldeten steuerbaren Ressourcen tatsächlich verfügbar sind. Der DSO muss darauf vertrauen, dass der TSO nur dann Redispatch abruft, wenn es wirklich nötig ist. Data Contracts und SLAs für den Datenaustausch schaffen die formale Grundlage für dieses Vertrauen.
Prozesse für den Abruf steuerbarer Ressourcen (§14a)
Der §14a-Prozess – von der Identifikation eines Engpasses über die Auswahl der zu dimmenden Geräte bis zur Rückkehr zum Normalbetrieb – muss in einem definierten, dokumentierten und überpreufbaren Ablauf organisiert sein. Die Regulierungsbehörde erwartet, dass DSOs ihre Steuerungsentscheidungen nachvollziehbar begründen können: Warum wurde gedimmt? Welche Netzabschnitte waren betroffen? War die Massnahme verhältnismässig?
Kompetenzaufbau: Vom klassischen Netzbetrieb zum datengetriebenen Netzmanagement
Der Wandel vom passiven Netzbetrieb zum aktiven Netzmanagement erfordert neue Kompetenzen, die in traditionellen DSO-Organisationen kaum vorhanden sind: Data Science für Prognosemodelle und Optimierung, IT-Architektur für die Integration von OT- und IT-Systemen, Cybersecurity für die Absicherung vernetzter Steuerungssysteme und Marktverständnis für die Interaktion mit Flexibilitätsanbietern.
Der Kompetenzaufbau muss auf mehreren Ebenen erfolgen: Weiterbildung bestehender Mitarbeiter (z.B. Netzführungspersonal, das jetzt auch Flexibilitätskoordination übernimmt), gezielte Neueinstellungen (Data Engineers, ML-Spezialisten) und Partnerschaften mit spezialisierten Dienstleistern für Bereiche, die intern nicht wirtschaftlich abgedeckt werden können. Der kulturelle Wandel – von einer ingenieurgetriebenen Organisation zu einer datengetriebenen – ist dabei mindestens so wichtig wie die fachliche Qualifikation.
Cybersecurity für OT/IT-konvergente Netzsteuerung
Die Konvergenz von OT (Operational Technology: SCADA, Leitsysteme, Schutztechnik) und IT (Datenplattformen, Analytics, Cloud-Dienste) schafft neue Angriffsflächen. Ein Cyberangriff, der über die IT-Seite in die OT-Systeme eindringt, könnte im schlimmsten Fall die Netzsteuerung kompromittieren – mit potenziell katastrophalen Folgen für die Stromversorgung.
Die Governance-Anforderung: Ein integriertes Informationssicherheits-Managementsystem (ISMS), das sowohl IT- als auch OT-Risiken abdeckt. Das BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik) gibt mit dem IT-Sicherheitskatalog gemäss §11 Abs. 1a EnWG den Rahmen vor. Die Umsetzung umfasst: Netzwerksegmentierung (strikte Trennung von OT und IT mit kontrollierten Übergängen), Zugangsmanagement, Monitoring auf Anomalien, Incident-Response-Pläne und regelmässige Penetrationstests.
- Netzwerksegmentierung: DMZ zwischen OT und IT, keine direkte Verbindung zwischen Leitsystem und Internet.
- Zugangsmanagement: Multi-Faktor-Authentifizierung für alle OT-Zugänge, protokollierte Fernwartungszugänge.
- Anomalie-Detection: Monitoring des OT-Netzwerkverkehrs auf ungewöhnliche Muster (Intrusion Detection).
- Incident Response: Definierte Prozesse für den Fall eines Cyberangriffs auf OT-Systeme – inklusive Notfallbetrieb.
- BSI-Konformität: Nachweis der Umsetzung des IT-Sicherheitskatalogs gegenüber der Regulierungsbehörde.
Technologien und Konzepte
Fazit: Organisatorischer Wandel als Voraussetzung für das Smart Grid
Die technischen Bausteine für das Smart Grid existieren: Sensorik, Kommunikation, Steuerung, Analytik. Aber Technologie allein reicht nicht – sie muss in eine Organisation eingebettet sein, die sie nutzen kann. Flexibilitätskoordination, DSO-TSO-Kooperation, §14a-Prozesse und Cybersecurity sind organisatorische Aufgaben, die neue Strukturen, neue Kompetenzen und neue Denkweisen erfordern.
DSOs, die diesen organisatorischen Wandel frühzeitig und systematisch angehen, schaffen die Grundlage für einen Netzbetrieb, der den Herausforderungen der Energiewende gewachsen ist – und der die neuen Möglichkeiten des Smart Grids nicht nur theoretisch, sondern auch operativ nutzen kann.