Strombeschaffung: Day-Ahead, Terminmarkt und strukturierte Produkte
Die Strombeschaffung eines Stadtwerks folgt typischerweise einer mehrstufigen Strategie: Der Grossteil des erwarteten Jahresverbrauchs wird über Terminprodukte (Year, Quarter, Month) an der EEX oder über Broker abgesichert. Die Feinsteuerung erfolgt über den Day-Ahead-Markt, und Restmengen werden auf dem Intraday-Markt gehandelt. Dazu kommen strukturierte Produkte (Profillieferungen, Cap/Floor-Konstruktionen), die das Beschaffungsprofil an das Lastprofil der Kunden anpassen.
Die operative Herausforderung für die Dateninfrastruktur: Alle Beschaffungspositionen – Terminkäufe, Day-Ahead-Orders, Intraday-Trades, OTC-Geschäfte – müssen in einem System zusammengeführt werden, um jederzeit die aktuelle Gesamtposition zu kennen. Für ein mittleres Stadtwerk mit einem Jahresverbrauch von 2-3 TWh und dutzenden offenen Kontrakten ist das bereits anspruchsvoll – insbesondere wenn die Beschaffung noch in Excel-Tabellen oder einfachen Handelsbüchern geführt wird.
Lerneffekt aus der Energiekrise: Stadtwerke, die 2021/22 ihren Bedarf zu über 90 % langfristig abgesichert hatten, kamen unbeschadet durch die Krise. Stadtwerke mit hohem Spot-Anteil mussten zu Spitzenpreisen nachkaufen und erlitten Millionenverluste. Die Beschaffungsstrategie und das Risikomanagement sind damit keine Back-Office-Themen, sondern existenzielle Unternehmensfragen.
Gasbeschaffung und Wärmemarkt: KWK-Optimierung
Viele Stadtwerke betreiben Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen (KWK/BHKW), die gleichzeitig Strom und Wärme erzeugen. Die Optimierung dieser Anlagen ist ein komplexes Datenproblem: Der Gaspreis bestimmt die variablen Kosten, der Strompreis die Erlöse auf der Stromseite, und die Wärmenachfrage (abhängig von Aussentemperatur und Heizgewohnheiten) bestimmt, wie viel die Anlage laufen muss. Dazu kommen CO2-Kosten, Wartungspläne und regulatorische Vorgaben.
Eine datengetriebene KWK-Optimierung verknüpft all diese Faktoren und berechnet den optimalen Fahrplan: Wann lohnt sich der Betrieb (positiver Spark Spread minus CO2-Kosten)? Wann ist es günstiger, die Wärmenachfrage aus dem Kessel zu bedienen und den Strom am Markt zu kaufen? Diese Entscheidung muss täglich – idealerweise stundlich – getroffen werden, und sie erfordert aktuelle Daten aus dem Leitsystem, dem Gasmarkt und dem Wärmenetz.
Echtzeit-Positionsüberblick über alle Beschaffungsverträge
Ein Stadtwerk hat typischerweise dutzende laufende Beschaffungsverträge: Langfristige Terminkäufe, kurzfristige Spotbestellungen, OTC-Geschäfte mit regionalen Händlern und möglicherweise PPAs mit lokalen Erzeugern. Jeder dieser Verträge hat unterschiedliche Laufzeiten, Preismechanismen und Lieferprofile.
Ein konsolidierter Positionsüberblick zeigt: Wie viel des erwarteten Jahresbedarfs ist bereits beschafft? Zu welchem Durchschnittspreis? Wo gibt es offene Positionen, die noch abgesichert werden müssen? Und wie verhält sich die Beschaffungsposition zum aktuellen Marktpreis – hat das Stadtwerk 'gut eingekauft' oder liegt es über Markt? Diese Transparenz ist die Voraussetzung für fundierte Beschaffungsentscheidungen.
Absicherung von Preisrisiken für Endkunden-Tarife
Stadtwerke bieten ihren Endkunden typischerweise Festpreistarife mit einer Laufzeit von 12-24 Monaten. Das bedeutet: Das Stadtwerk trägt das volle Preisrisiko für die Differenz zwischen dem Tarif (fixiert zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses) und den tatsächlichen Beschaffungskosten (variabel). Wenn die Beschaffungskosten steigen, sinkt die Marge – oder wird negativ.
Eine systematische Absicherungsstrategie verknüpft Tarifkalkulation und Beschaffung: Für jeden neuen Tarif wird sofort die entsprechende Beschaffungsposition aufgebaut (Back-to-Back-Hedging). Für bestehende Tarife wird der offene Anteil kontinuierlich überwacht. Und für den erwarteten Neukundenverbrauch wird ein Hedging-Programm gefahren, das den Preis schrittweise sichert (Dollar-Cost-Averaging). Die operative Dateninfrastruktur muss diese Verknüpfung in Echtzeit abbilden.
Bilanzkreismanagement und Ausgleichsenergie-Kosten
Jede Abweichung zwischen der prognostizierten und der tatsächlichen Energiemenge im Bilanzkreis verursacht Ausgleichsenergiekosten. Für ein Stadtwerk mit einem grossen Endkundenportfolio sind die Haupttreiber: unerwartete Temperaturveränderungen (die den Heiz- und Klimaverbrauch beeinflussen), Prognosefehler bei der Eigenerzeugung (KWK, PV) und plötzliche Veränderungen im Kundenverhalten (z.B. Feiertage, Grossereignisse).
Ein effektives Bilanzkreismanagement minimiert diese Kosten durch präzise Lastprognosen, zeitnahe Anpassung der Fahrpläne und – wenn nötig – Intraday-Handel zum Ausgleich von Fehlmengen. Die Datenbasis dafür: Echtzeit-Verbrauchsdaten (soweit über iMS verfügbar), Wetterprognosen, historische Lastprofile und die aktuelle Bilanzkreisposition.
Technologien in diesem Kontext
Fazit: Professionelle Beschaffung schützt Margen und Existenz
Die Beschaffungsoptimierung ist für Stadtwerke der zentrale Hebel auf die Marge – und nach den Erfahrungen der Energiekrise auch auf die Existenzsicherung. Wer seine Beschaffungsposition in Echtzeit kennt, Preisrisiken systematisch absichert und die KWK-Erzeugung datengetrieben optimiert, wirtschaftet stabiler und profitabler als der Wettbewerb.
Die Investition in eine moderne Beschaffungsdaten-Infrastruktur – vom Positionsmanagement über die Hedging-Überwachung bis zur KWK-Optimierung – ist für jedes Stadtwerk, das seine Margen schützen und seine Beschaffung professionalisieren will, eine der lohnendsten IT-Investitionen überhaupt.